Ein Vollkostenvergleich kann bei der Entscheidung helfen / Vergleich VW ID.3 und VW Golf
Hamm – Auch wenn der Konflikt im Nahen Osten zu einem Ende kommen sollte: es ist zu erwarten, dass die Preise für fossile Kraftstoffe auf lange Sicht hoch bleiben und durch weiterhin steigende CO2 Abgaben noch weiter steigen werden. Viele Autofahrer stellen sich daher die Frage nach einem realistischen Vollkostenvergleich zwischen Verbrenner und E-Antrieb, welcher alle Aspekte umfasst. Der WA hat vorliegende ADAC-Kostenbetrachtungen ausgewertet und mit Fachleuten der HSHL gesprochen. Beispielhaft wurden Modelle vergleichbarer Größe des VW-Konzerns bewertet.
Der Wirtschaftlichkeitsvergleich zwischen dem VW ID.3 und dem VW Golf zeigt: Unter typischen Nutzungsbedingungen in Deutschland ist das Elektroauto über einen Zeitraum von zehn Jahren die günstigere Wahl. Vor allem bei einer jährlichen Fahrleistung von rund 15.000 Kilometern und überwiegendem Laden zu Hause kann der ID.3 seine Kostenvorteile klar ausspielen.
Grundlage des Vergleichs sind realistische Verbrauchs- und Betriebskosten für Deutschland im Jahr 2026 sowie eine Gesamtfahrleistung von 150.000 Kilometern innerhalb von zehn Jahren. Während der VW ID.3 mit einem praxisnahen Stromverbrauch von 17,5 Kilowattstunden pro 100 Kilometer kalkuliert wurde, basiert die Berechnung für den VW Golf 1.5 TSI auf einem realen Benzinverbrauch von 6,2 Litern pro 100 Kilometer. Bereits bei den laufenden Energiekosten zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Der ID.3 verursacht bei einem Haushaltsstrompreis von 0,33 Euro pro Kilowattstunde jährliche Energiekosten von rund 866 Euro pro Jahr. Beim Golf fallen unter Annahme eines durchschnittlichen Kraftstoffpreises von 1,92 Euro pro Liter pro Jahr rund 1.786 Euro pro Jahr an.
Auch bei weiteren Kostenblöcken wie Wartung, Steuer und Versicherung ergibt sich insgesamt ein Vorteil für das Elektrofahrzeug. Der Wertverlust des ID.3 liegt zunächst etwas höher als beim Golf, dieser Nachteil wird jedoch durch die deutlich niedrigeren Energie- und Wartungskosten mehr als ausgeglichen. Über den gesamten Nutzungszeitraum von 10 Jahren summieren sich die Gesamtkosten des VW ID.3 inclusive des zu erwartenden Wertverlustes auf rund 45.163 Euro. Der vergleichbare VW Golf kommt im selben Zeitraum auf etwa 53.056 Euro. Damit liegt der ID.3 im betrachteten Szenario deutlich vorn.
Besonders relevant ist dabei die Art des Ladens. Der Kostenvorteil des ID.3 bleibt vor allem dann bestehen, wenn ein Großteil des Stroms zu Hause geladen wird, idealerweise über die eigenen PV-Anlage. Hierfür wurde mit Vollkosten von 0,12 € pro kWh (incl. Anlagenabschreibung) gerechnet, bei Strom aus dem Netz mit 0,33 €/kWh. Steigen die Stromkosten durch häufiges öffentliches Laden – mit Preisen von 0,89 pro kWh in der Spitze – deutlich an, kann sich der Abstand zum Golf verringern oder sogar umkehren. Auch die jährliche Fahrleistung spielt eine wichtige Rolle: Wer nur wenige Kilometer pro Jahr fährt, profitiert weniger stark von den niedrigeren Betriebskosten des ID.3, sodass der Golf in Einzelfällen wirtschaftlich attraktiver sein kann.
Die Auswertung macht deutlich, dass Elektromobilität nicht nur aus ökologischer, sondern zunehmend auch aus ökonomischer Sicht an Bedeutung gewinnt. Für viele Haushalte mit regelmäßiger Nutzung und eigener Lademöglichkeit ist der VW ID.3 bereits heute die klar wirtschaftlichere Alternative zum klassischen Verbrenner. Der VW Golf bleibt hingegen vor allem für Nutzer interessant, die geringe Jahresfahrleistungen haben oder nur eingeschränkt Zugang zu günstigem Ladestrom besitzen.
„Die wirtschaftliche Betrachtung zeigt sehr anschaulich, dass die Energiewende im Alltag vieler Menschen nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch finanziell attraktiv sein kann. Gerade wenn Mobilität, Stromnutzung und perspektivisch auch weitere Anwendungen zusammengedacht werden, entstehen greifbare Vorteile für Haushalte und Regionen“, sagt Jens Christian Kneißel, wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt Wissenstransfer im Projekt Werkbank Sektorenkopplung der HSHL.
„Für die praktische Umsetzung ist entscheidend, dass technologische Lösungen immer auch unter realen wirtschaftlichen Bedingungen bewertet werden. Genau hier setzt die Werkbank Sektorenkopplung an. Wir wollen Wissen so aufbereiten, dass daraus konkrete Entscheidungen für Kommunen, Unternehmen und private Haushalte entstehen können“, erklärt Rüdiger Brechler, Projektkoordinator der Werkbank.
Durchaus eine sinnvolle Alternative zum Neukauf ist der Gebrauchtwagenmarkt für E-Autos. Dies ist ein wachsendes Segment, welches sich zunehmend aus Rückläufern aus Dienst- und Mietwagenflotten sowie auslaufenden Leasingverträgen speist. Hier sind die zu erwartenden weiteren Wertverluste naturgemäß geringer als bei Neuwagen und die E-Autos können ihre Vorteile bei den Betriebskosten ausspielen.
Quelle: Artikel von Stefan Sickert vom 23.6.2026 – Westfälischer Anzeiger Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Bild: HSHL
